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Verschärfter Wettbewerb (0)

Business-Travel-Branche macht Jagd auf IT-Firmen

von Martin Jürs, 19.06.2017, 08:28

Technik wird immer wichtiger – auch im Geschäftsreise-Markt. Das wissen die Geschäftsreise-Ketten und kaufen verstärkt IT-Firmen auf. Den vorerst jüngsten Coup landete HRG.

IT-Firmen im Einkaufskorb.
Foto: Gettyimages

Exakt seit dem 31. März ist Schluss. Wer die Homepage von World Mate ansteuert, findet dort einen deutlichen Hinweis: „Es wird Zeit für uns, sich zu verabschieden“, heißt es. Ergänzt unter anderem um den Hinweis, dass die digitale Reise-Applikation der US-Firma seit Ende März nicht mehr über die diversen App-Stores erhältlich ist.

Grund für diesen Rückzug ist nicht etwa mangelnde Nachfrage. Vielmehr hat die Geschäftsreise-Kette CWT, die seit mehr als vier Jahren Eigentümerin des App-Entwicklers aus Kalifornien ist, die Anwendung vom Markt genommen. In Zukunft nutzt die Travel Management Company (TMC) die World-Mate-Technik exklusiv und stellt sie nur den eigenen Kunden zur Verfügung. Es gehe darum, die digitale Zukunft selbst zu gestalten und den Kunden einen spürbaren Mehrwert zu liefern, erläutert Peter Ashworth, Zentraleuropa-Chef von CWT, das Vorgehen.

Allein steht CWT mit dieser Strategie nicht. Auch der Wettbewerb rüstet technisch auf und setzt dabei stark auf Zukäufe. Schließlich sind die Geschäftsreise-Ketten in erster Linie Dienstleister und keine Technik-Anbieter.

So hat HRG kürzlich den Kauf der Buchungsplattform E-Wings bekannt gegeben. Das Berliner Start-up ist seit gut drei Jahren am Markt. Nach eigenen Angaben ermöglicht die Plattform eine Flugsuche inklusive Buchung in wenigen Minuten.

Die E-Wings-Technik ergänze perfekt die eigenen Buchungslösungen, schwärmt man beim neuen Eigentümer. Der Zugriff auf E-Wings bedeute einen „klaren Marktvorteil im kleineren und mittleren Kundensegment“, so Bill Brindle, Chief Information Officer von HRG.

Wobei Apps zur Reiseplanung wie die der CWT-Tochter World Mate oder Flugbuchungsplattformen à la E-Wings nur zwei Tools sind, in die die Geschäftsreise-Ketten investieren müssen, um einerseits die Anforderungen der Kunden zu erfüllen und andererseits den technologischen Anschluss nicht zu verlieren.

Bei CWT zählen zudem die Chatbot-Technik, Safety-&-Security-Tools sowie Suchmaschinen, die von der Planung bis zur Abrechnung alle Schritte des Reiseprozesses berücksichtigen, zu den Bereichen, die es auszubauen gilt, um im Wettbewerb weiter vorn mitspielen zu können.

Ein weites Feld, in dem die Geschäftsreise-Anbieter auch aufgrund begrenzter Finanzkraft durchaus unterschiedliche Schwerpunkte setzen, um sich zu profilieren und vom Wettbewerb abzusetzen.

BCD Travel beispielsweise hat 2016 Get Going übernommen. Die US-Firma liefert die Technik, mit der die Trip-Source-Hotelplattform der Geschäftsreise-Kette betrieben wird. Ursprünglich war Get Going nur ein Dienstleister für BCD, doch um eine bessere Kontrolle über die Entwicklung der Technik zu bekommen und um schneller auf Bedürfnisse der Kunden reagieren zu können, entschied man sich für den Kauf des Technik-Partners. Zumal es Get Going laut BCD gelungen ist, eine äußerst nutzerfreundliche Anwendung zu entwickeln, ohne dabei die Interessen vom Travel Management zu vernachlässigen.

American Express Global Business Travel (GBT) wiederum hat im vorigen Sommer KDS geschluckt. Die Franzosen zählen zu den Spezialisten im Bereich der Travel-Management-Systeme, der insbesondere bei den sogenannten Door-to-Door-Buchungsfunktionen relativ weit entwickelte Software anbietet.

Dass zumindest diese Übernahme nicht ohne Risiko ist, zeigt die Reaktion von KDS-Konkurrent Concur. So hat die SAP-Tochter die Vertriebspartnerschaft mit der Geschäftsreise-Kette kurz nach Bekanntwerden der Übernahme beendet – durchaus ein Nachteil für Amex GBT, wenn Firmenkunden das System von Concur statt die Lösung von KDS für ihre Buchungen und Abrechnungen bevorzugen.

Die LCC verfolgen einen anderen Kurs

So setzt dann auch nicht jeder Geschäftsreise-Anbieter auf die Option „Kaufen“. Die Lufthansa City Center (LCC) treiben zwar ebenfalls die Digitalisierung ihrer Reisebüro-Technik voran, doch einer Übernahme eines IT-Spezialisten bedarf es ihrer Überzeugung nach nicht.

„Es gibt ein großes Angebot an Playern im IT-Bereich, aus dem man passend zu den Anforderungen des eigenen Unternehmens auswählen kann“, sagt Dominic Adametz, Bereichsleiter Corporate Travel bei LCC. Er sieht es sogar eher als Nachteil, sich bei einem Spezialisten einzukaufen und sich an dessen Technik zu binden. Adametz: „Wir bedienen uns lieber dem Know-how verschiedener Software-Unternehmen und erhalten damit die Chance, flexibel auf immer dynamischere Marktentwicklungen reagieren zu können.“

Bei der Travel-App setzt das Franchise-System daher auf die Angebote von Amadeus, bei der Content- und Buchungsplattform Bridge-IT arbeitet LCC mit Pass Consulting zusammen. Angst, dass es bei der Weiterentwicklung an Geschwindigkeit mangelt, hat Adametz nicht: „Wer die Rechnung bezahlt, bestimmt die Musik.“

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